
Kleinmühle
„Doas gehd alles durch die selwe Mihl.“
Der gleichmäßige und stetige Lauf der Lumda machte Allendorf zu einem guten Standort für Mühlen. Es gab gleich fünf von ihnen: Stadtmühle, Kleinmühle, Pirrmühle, Magermühle und Weidenmühle. Außer der Stadtmühle sind alle Gebäude noch erhalten.
Eine besondere Rolle hatte die Kleinmühle. Sie war über Jahrhunderte ein fester Bestandteil der Allendorfer Mühlenlandschaft. Im Gegensatz zur herrschaftlichen Stadtmühle war sie jedoch wirtschaftlich stark benachteiligt. Grund dafür war der sogenannte Mühlenbann: Die Einwohner Allendorfs waren verpflichtet, ihr Getreide zunächst in der Stadtmühle mahlen zu lassen. Nur wenn diese ausgelastet war, durfte die Kleinmühle Mahlgäste aufnehmen. Dadurch geriet sie immer wieder in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Bereits im 15. Jahrhundert wird berichtet, dass der Müller kaum ausreichend Mahlgut erhielt. Wer dennoch Getreide zur Kleinmühle brachte, musste damit rechnen, dass Säcke beschlagnahmt und in die herrschaftliche Mühle gebracht wurden.

Die Kleinmühle mit dem Lumdatalexpress im Vordergrund.

Die Lage außerhalb der Stadt gab den Kleinmüllern eine gewisse Eigenständigkeit.
Nachdem die Stadt die Kleinmühle um 1540 erworben hatte, wurde sie als Erbleihe an Müller vergeben. Die Pächter mussten jährlich erhebliche Abgaben leisten – unter anderem Getreide, Geld sowie Naturalien. 1672 betrug die Pacht 25 Mött Korn, später wurden zusätzlich Reichstaler, Hühner und weitere Abgaben fällig. Besonders bekannt wurde die Kleinmühle durch einen langjährigen Streit zwischen dem Müller Johann Heinrich Franz und der Stadt. Ab 1730 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über den Mühlgraben, Weiderechte und Grundstücksgrenzen.
Der Müller hatte das Wasserbett erhöht und einen Stall errichtet, wodurch sich die Bürger in ihren Rechten beeinträchtigt sahen. Es folgten Pfändungen, Gerichtsverfahren und Beschwerden bis an die Regierung in Gießen. Erst 1744 konnte der Konflikt durch einen Vergleich beendet werden. 1820 übernahm Johann Muhly die Mühle. Mit der Aufhebung der Erbleihe im Jahr 1868 ging sie endgültig in Privatbesitz über. Heute erinnern die historischen Fachwerkgebäude der Kleinmühle an ihre bewegte Geschichte und an die Bedeutung der Mühlen für das Leben und die Versorgung der Menschen in Allendorf.
An diesem Ort
Am 19. und 22. Juli 1966 wurde das Lumdatal von einem der schwersten Sommerhochwasser seiner Geschichte getroffen. Nach außergewöhnlich starken Regenfällen ergossen sich innerhalb von nur drei Tagen gleich zwei Flutwellen über die Region. In Allendorf stand das Wasser stellenweise 80 bis 90 Zentimeter hoch in den Straßen. Keller liefen voll, Brücken wurden beschädigt, Straßen unterspült und zahlreiche Gebäude überflutet. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz sowie Einheiten des deutschen und amerikanischen Militärs waren im Einsatz. Sogar eine Hochzeitsfeier, die in der Gaststätte am Bahnhof stattfinden sollte, musste ausfallen.
Erst Tage später wurde das ganze Ausmaß der Schäden sichtbar, die sich auf rund 6,2 Millionen D-Mark beliefen. Rückhaltebecken entlang der Lumda sollen seitdem vor einer Wiederholung einer solchen Katastrophe schützen.

Das Hochwasser in der Bahnhofstraße 1966.

