
Kirchstraße und Turm
„Feier is e gudder Knecht, awer e schlechter Herr.“
Die Geschichte Allendorfs ist nicht nur von wirtschaftlichem Aufschwung, sondern auch von schweren Katastrophen geprägt. Besonders die Pest traf die Stadt wiederholt mit verheerenden Folgen.
Zwischen 1479 und 1483 sowie erneut 1575, 1628 und vor allem 1635 starben Hunderte Einwohner. Während der schlimmsten Pestwelle von 1635 verloren allein zwischen August und Weihnachten rund 370 Menschen ihr Leben. Viele Bewohner flohen aus Angst vor Ansteckung auf eine Anhöhe am Waldrand – der Ort trägt bis heute den Namen „Pestilenzstrauch“. Hunger, Krieg und Krankheiten verstärkten die Not zusätzlich.
Auch Naturgewalten bedrohten immer wieder die Existenz der Stadt. Ein schweres Hagelunwetter vernichtete 1680 große Teile der Ernte. Hochwasser der Lumda richtete 1829 erhebliche Schäden an Feldern und Wiesen an. Da die meisten Menschen von der Landwirtschaft lebten, bedeuteten solche Ereignisse oft Hunger und Armut.

Die Familien waren kinderreich. Die Kirchstraße war auch ein großer Spielplatz, Foto aus den 1930er Jahren.

Der Brunnen in der Kirchstraße war wie heute ein beliebter Treffpunkt, aber auch eine zentrale Wasserstelle der Altstadt, Foto aus den 1930er Jahren.
Am tiefsten prägten jedoch die zahlreichen Stadtbrände das Gedächtnis Allendorfs. Bereits 1497, 1603, 1634, 1694 und 1706 zerstörten Feuer große Teile der Stadt. Die schwerste Katastrophe ereignete sich am 17. Oktober 1728. Innerhalb weniger Stunden vernichteten die Flammen rund 260 Gebäude, darunter Rathaus, Schule, Pfarrhaus und die Kirche. Seinen Ausgang nahm dieses Feuer unweit des unteren Endes der Kirchstraße am Untertor. Nur wenige Häuser blieben stehen, vier Menschen kamen ums Leben, Hunderte verloren ihr Zuhause. Hilfe kam aus vielen Orten Hessens in Form von Brot, Geld, Holz und Baumaterial.
Der Wiederaufbau dauerte mehrere Jahre und veränderte das Stadtbild nachhaltig. In den Quellen wird der Kirchberg und die heutige Kirchstraße mehrfach als einer der am stärksten betroffenen Bereiche genannt. Beim Brand von 1603 griff das Feuer bis zur Kirche und zum Kirchturm über. Auch 1634 verwüstete ein Großbrand den Kirchberg und den Stadtturm. Beim verheerenden Brand von 1728 erreichten die Flammen die auf der Anhöhe stehende Kirche, deren Dachstuhl vollständig ausbrannte; Glocken und Orgel wurden zerstört. Die heutige Kirchstraße erinnert damit an einen Ort, der über Jahrhunderte immer wieder Schauplatz von Feuerkatastrophen, Wiederaufbau und Neuanfang war.
An diesem Ort
Die Stadt in den Grenzen der alten Stadtmauer verfügte über insgesamt fünf Brunnen. Sie stellten die Wasserversorgung Allendorfs her. Die Lumda wurde dafür nicht genutzt. Die Brunnen in der Kirchstraße (ehemals Borngasse), Obergasse, Untergasse, Marktstraße und Hintergasse waren allesamt nicht besonders tief und reichten nur wenige Meter zum Grundwasserspiegel. Trotzdem lieferten sie zuverlässig Wasser, auch in besonders trockenen Jahren, wie die Quellen vermerkten. Doch bei den verheerenden Bränden nutzte auch dies nichts. Das Problem war nicht das Wasser, sondern dessen Transport zu den Bränden. Erst 1929 wurde durch die Feuerwehr ein erster Spritzenwagen (Pferdegespann) angeschafft.

Bei einem Wolkenbruch in den 1950er Jahren strömten Wasser und Geröll vom Turm her in die Kirchstraße.

Weite Teile der Stadtmauer rechts und links des Turms zerfielen im Laufe des 19. Jahrhunderts, Foto aus den 1980er Jahren.
Mit der Stadterhebung Allendorfs im Jahr 1370 begann der Bau einer wehrhaften Stadtbefestigung. Die rund drei bis vier Meter hohe Stadtmauer umschloss den historischen Stadtkern vollständig und wurde durch einen wasserführenden Wallgraben, Hecken, vier Wehrtürme sowie zwei Stadttore gesichert.
Die Tore – das Obertor im Norden und das Untertor im Westen – waren aus mächtigen Steinquadern errichtet und besaßen Zugbrücken, die den Zugang über den Wallgraben ermöglichten. Im Obergeschoss befanden sich Wachstuben, das Untertor verfügte zusätzlich über einen Gefängnisraum. Nachts wurden beide Tore geschlossen; wer danach Einlass begehrte, musste Sperrgeld entrichten.
Erst 1828 wurden das Untertor und Teile der Mauer abgebrochen, ein Jahr später folgte das Obertor. Heute erinnert vor allem der erhaltene Rundturm an die einst geschlossene mittelalterliche Befestigungsanlage.
An diesem Ort
Der heute noch nahezu vollständig erhaltene Rundturm an der Nordwestecke der ehemaligen Stadtbefestigung ist das eindrucksvollste Zeugnis der mittelalterlichen Wehranlage Allendorfs. Die Stadtmauer hatte rund 400 Jahre bestanden, bevor sie im 20. Jahrhundert zerfiel. Der vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammende Wehrturm ist rund 14 Meter hoch, besitzt einen Durchmesser von etwa sieben Metern und Mauern mit einer Stärke von bis zu 1,50 Metern. Sein ursprünglicher Zugang lag in rund acht Metern Höhe und war ausschließlich über den Wehrgang der Stadtmauer und eine Leiter erreichbar – ein typisches Verteidigungsmerkmal mittelalterlicher Wehrtürme.
Aus den Maueranschlüssen lässt sich ableiten, dass die Stadtmauer hier etwa 1,75 Meter stark und rund vier Meter hoch war. Gemeinsam mit der Kirche, deren Turm alle Gebäude der Stadt überragte, prägte der Rundturm die historische Stadtsilhouette. Nach Jahrhunderten des Verfalls wurde er 1980 umfassend restauriert. Dabei entstanden ein ebenerdiger Zugang, eine Spindeltreppe, ein neues Dach und ein kleiner Schauraum zur Stadtgeschichte. Heute ist der Turm eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler Allendorfs und bietet einen eindrucksvollen Blick über die historische Altstadt.

Besprechung im Rahmen der Sanierung des Stadtturms 1980.

